1. Leseprobe
Kurzgeschichte:
Von der Straße
geküsst
„Bis zum Frühjahr wollte ich es aushalten bei der Alten, bis es wärmer wird und einfacher, ohne Obdach!“, presst sie zwischen den Zähnen hervor. „Aber dann dieser Streit! Musste ich mich auch darauf einlassen? Mir ist einfach der Kragen geplatzt!“
Siehste, das haste nun davon, meckert die innere Stimme.
Doch zischt sie ärgerlich dagegen: „Diese olle Geizschrulle!
Hat mich klein gehalten. Mit einem Taschengeld abgespeist.“
Vor einer Tür bleibt sie stehen. Durch rot und grün gemustertes Glas dringt heimelig Lichtschein. „Glühwein!“, steht in geschwungenem Schriftzug auf einem Schild, mit lachender, froher Natur darauf. Was für rote Backen sie hat und blondlockiges Haar. Blondes Rotbäckchen. Wie ein Glückskind strahlt es.
Als ob ein Schluck heißer Glühwein die Lösung für alles bedeutet. Sie reibt die Hände aneinander, die sie gern an dampfender Tasse wärmen würde, und schmeckt das süß Fruchtige bereits auf der Zunge. Glühwein, der Lebensgeister weckt, scheint jetzt ihre ganze Sehnsucht.
Sie öffnet die Eingangstür und läuft durch den trüb erleuchteten Flur. Vernimmt Stimmen. Geselliges Beisammensein.
„Mir wegen tut‘s auch ein Grog!“ Sie öffnet die Tür zur Kneipe.
Dunst ausgeatmeter Münder schlägt ihr entgegen. Die Tür knarrt ungehobelt beim Öffnen, und zu viele Köpfe drehen sich nach ihr um. Es wird ruhig, ob ihrer ungewohnten Erscheinung.
Dennoch tritt sie ein. Hauptsache warm!
Schummeriges Licht erleichtert ein Vorwärts, direkt hin zur Theke.
Der kürzeste Weg überhaupt, bis sie endlich ankommen kann und am Tresen – der wie ein Bollwerk im Raum wirkt – Halt finden.
Wie sie dort hocken! Einer nach dem anderen. Ein Platz wird frei, weil sie zusammenrücken.
„Sehr nett! Danke!“, sagt sie. Sehen aus wie Holzhackerbuben, denkt sie. Halten steif das Bierglas, den Humpen in der Hand oder ein Stamperl fest. Warum klammern sie sich so daran?
„Ein Glühwein, bitte!“, spricht sie Richtung Tresen, hinter dem eine Frau steht und fragend, leicht amüsiert schaut.
Jetzt lacht sie meckernd. „Ham‘wer nich‘!“
„Was ham‘se denn so zum Aufwärmen?“, nimmt sie instinktiv die Sprechweise der Person an. Dankbar ist sie für die Ansprache.
Alles scheint hier zum Aufwärmen geeignet und ihr eine Gna-denfrist zu verschaffen.
„Whisky!“, antwortet die Frau mit passend rauchiger Stimme. „Dann einen Schnaps, bitte!“ – „‚Nen doppelten?“
„Den billigsten!“ Die Frau brummt unzufrieden. Kein Geschäft zu machen.
Männer starren von der Seite her. Sie fühlt sich zunehmend als außerirdisches Wesen. Fehlgelandet. Die Thekenfrau lacht dreckig, auf die Bemerkung eines anderen hin.
Der Alkohol brennt wie Feuer in der Kehle und bis in den Brust-raum hinein. Wärmt schließlich auch den Bauch.
Leichter wird ihr. Etwas löst sich. Ein Klumpen auf.
Einer nickt ihr wohlmeinend zu, als wisse er, wie es geht und steht. Vielleicht auch will er sagen …! Was will er sagen?
Ihr schaudert bei der Vorstellung, dass er sich mit ihr gemein machen will.
Sie starrt länger vor sich hin, spürt der Wirkung nach, die leider langsam nachlässt. Noch einen bestellen kann sie nicht.
„Stimmt so!“, legt sie die Geldstücke, fein säuberlich geordnet, auf die Theke. Zahlt schon mal, damit sie nicht in Verlegenheit kommt, nach einem Nächsten gefragt zu werden.
Ein anderer soll auch nicht übernehmen.
Mit dem Ausgeben, das ist so ‘ne Sache.
Ein Rülpser trifft sie von links ins Gesicht, gestiegen von tief unten heraus. Fast kippt sie vom Tresen und flüchtet, mit dem Oberkörper nach rechts auf die andere Seite.
„Hoppla!“, sagt da einer und schaut sie mit glasigen Augen an. „Eng hier!“, meint sie, wie entschuldigend.
Der Rechte greift sich in den Bart, fährt mit den Fingern daran herab, als müsse er über etwas nachdenken oder ...
2. Leseprobe
Das 7 Tage-Buch
Am nächsten Morgen zeigte sich der See verhüllt.
Dampf stieg auf wie aus einem Kessel.
Marie fühlte sich unbeobachtet und ließ die Hüllen fallen.
Sie rannte. Das Wasser brauste auf, und prustend schwamm sie. Wie perlte es um ihre Haut.
Wie nahm das Wasser sie auf – kindvertraut.
Plötzlich blieb ihr vor Schreck die Luft weg. Das Herz begann zu rasen. Jemand anders hatte ebenfalls den Weg ins frühe Wasser genommen und kraulte direkt auf Marie zu.
Seine Rückenpartie blitzte auf.
„Halt!“, rief sie. „Halt! Keinen Meter weiter!“ Derjenige hielt inne und schüttelte Wasser von sich. „Meinen Sie mich, junge Frau?“
„Ja, genau Sie! Ich brauche Abstand! Und ich meine, der See ist groß genug!“
Der Mann blickte sich um und lachte. „Sieht ganz so aus!“
Gefährlich nahe war er schon. Ihr Körper trieb zwar unter Wasser, aber wie viel davon schien durch?
Beim Gegenüber sah sie helle Flecken tanzen.
Erneut setzte er zum Kraulen an.
„Bitte bleiben Sie doch über Wasser!“
Hektisch ruderte Marie mit den Armen.
Der Mann blickte verständnislos. „Warum das?“
„Na, ich habe nichts dran! Ich meine, ich habe nichts an!“
„Ach so!“, lachte er. „Ich auch nicht!“
„Ach so!“ Das Lachen wollte Marie nicht recht gelingen.
„Dann bleiben wir lieber mal auf Sicherheitsabstand!“, forderte sie und platzte heraus: „Scheint der Nacktvirus ausgebrochen zu sein!“
Er lachte. „Da bedarf es wohl einer neuen Festlegung!“ Sie nickte. „Fünf Meter?“, schlug er vor. – „Zehn!“, erhöhte Marie.
„Dann schwimmen wir eine Runde zusammen?“, fragte er blinzelnd. Sie konnte sich ein Lächeln nicht verkneifen.
„Okay, schwimmen können wir.“
Dabei wagte sich Marie weiter hinaus als gewohnt. Der gemeinsame Schwimmrhythmus ließ sie die Entfernung vom Ufer vergessen.
Bis Marie erfuhr, wie tief dieses Wasser wirklich ist. Darin verborgen und versenkt ein Dorf. Untergegangen, nein: geflutet.
Die Bewohner mussten vorher per Zwangsräumung den Heimat-platz verlassen.
„Passen Sie auf, dass Sie nicht an der Kirchturmspitze hängen bleiben!“, warnte er plötzlich. „Wie das?“, reagierte Marie erschrocken.
„Na ja – in besonders trockenen Jahren, als der Wasserpegel be-denklich sank, ragte sie schon heraus.“
„Echt jetzt!“ Bei der Vorstellung, dass ihr die Spitze in den Bauch spießen könnte, wurde ihr direkt schwindlig.
Rache des untergegangenen Gotteshauses.
„Und Taucher gibt es auch!“ Nun schrie Marie auf und drehte sich schnell, wie zum Schutz auf den Rücken. Dabei erschrak sie noch mehr, denn jetzt war so einiges von ihr sichtbar. Prompt drehte sie sich wieder zurück, sodass das Wasser schäumte.
„Aber am frühen Morgen sind sie noch nicht aktiv!“, setzte er mit verschmitztem Lächeln hinzu und ging gnädig auf das gerade Gesichtete nicht ein.
Hitze trieb durch Maries Körper. Nun fühlte sie sich selbst als dampfenden Kessel. Wie gut, dass das Wasser kühlte.
„Ich schwimme zurück!“, entschied sie.
„Jetzt schon?!“, meinte er. „Dann bringe ich dich sicher ans Ufer. Nicht dass unterwegs ein Fisch anbeißt!“
„Warum sollte er?“ Sie schwamm schneller, sodass er Mühe hatte zu folgen.
„Weil du ein guter Fang bist!“, rief er hinterher.
„Lass dich nicht von Äußerlichkeiten täuschen!“, rief sie zurück.
Er legte an Tempo zu ...
3. Leseprobe
Fabriktier 1984
Da vernimmt sie ein fröhliches Pfeifen. Eine ihr sehr bekannte Melodie. Deshalb bleibt sie stehen, um zu sehen, wer der Urheber ist. Am Hinterteil des Tieres entdeckt sie zwei Arbeiter.
Sind sie dort herausgekrochen?, überlegt sie amüsiert.
Einer davon zündet sich eine Zigarette an.
Der andere ist es, der sich eins pfeift und gute Laune verbreitet.
Erneut krallt sie die Hände in den Zaun, um besser auf die beiden und ihr Tun hinabschauen zu können.
Sicher verbringen sie ihre Pause auf dem Hof.
Jetzt werden sie aufmerksam und tauschen ein paar Worte aus. Dann lachen sie. Ihr ist das egal. Sollen sie doch.
Scheinbar lässig lehnt sie sich gegen den Zaun. Er gibt ihr Halt.
„Hey Hübsche!“, ruft da der gut Gelaunte.
Prompt fällt ihr ein, wie das Lied heißt, das er eben gepfiffen hat. „Brüder, zur Sonne, zur Freiheit.“
Schon fliegt ihr die nächste Zeile zu: „Brüder, zum Lichte empor.“
Erhebende, fröhlich beschwingte Töne dürfen heraus und werden freigelassen. Dann bricht er ab.
Innerlich jedoch singt sie weiter. Sie mag dieses Lied in aufforderndem Marschschritt, sieht dabei eine Kolonne – kraftvoll und entschlossen, voll Hoffnung und frohen Mutes – einem gemeinsamen, lichten Ziel entgegengehen.
„Hey!“, ruft der Pfiffige erneut von unten hoch, weil sie da oben gedankenversunken lehnt.
Ehe sie sich’s versieht, antwortet sie mit: „Ja?!“, halb als unausgesprochene Frage. Was?
„Komm doch mal her!“, ruft er auch schon und beschreibt mit dem Arm einen Bogen, wohin sie gehen soll.
Sie zuckt nur mit den Schultern, löst sich aber vom Zaun, der irritiert wackelt und nachschwingt.
„Hier! Dahin!“, ruft er und unterstreicht es diesmal zielgenauer mit seinem Arm. Sein Lachen wirkt einladend. Er nickt ermunternd.
Wahrscheinlich hat er Langeweile, überlegt sie. Das habe ich auch. Und Sehnsucht, hängt sie an.
Warum sollte ich also nicht einmal dorthin gehen?
Es ist sowieso ein Zaun dazwischen. Was soll passieren?
Gerade durch ihn fühlt sie sich jetzt sicher.
Zudem ist sie neugierig. Vielleicht kann sie so etwas über das Fabriktier und die Vorgänge darin erfahren. Und nicht nur das...! Aber soweit wagt sie gar nicht zu denken.
Die ersten Schritte hangelt sie sich mit den Händen am Zaun entlang, als gäbe er ihr Geleitschutz. Um die Ecke dann löst sie sich.
Der andere setzt sich ebenfalls in Bewegung und klettert den grasbewachsenen Hang hinauf. Bald stehen sie sich gegenüber, sagen kein Wort und lachen sich an.
„Na du bist mir ja eine!“, beginnt er, noch ein wenig aus der Puste, und stemmt unternehmungslustig die Arme in die Hüften.
Na hör mal, denkt sie, fragt aber: „Was für eine?“
„Eine Süße!“, bemerkt er. Sie senkt den Blick und lächelt ihn dann von unten her schräg an.
„Du magst wohl Süßes?“, fragt sie zurück und richtet den Kopf wieder auf. „Immer!“, meint er.
„Klar! Sonst würdest du hier nicht arbeiten!“, gibt sie zurück.
„Erfasst!“ Seine Hände wandern in die Taschen der lockeren Hose.
Eine Pause entsteht. Sie verschränkt ihre Hände hinter dem Rücken und dreht den Oberkörper leicht hin und her.